Wie sicher ist der Weg zur Kita oder Schule wirklich?
Jeden Morgen verlassen Tausende Kinder ihre Häuser, um zur Kita oder Schule zu gehen. Sie tragen Rucksäcke, schauen nach rechts und links, versuchen, nicht in Pfützen zu treten - und hoffen, dass sie nicht von einem Auto übersehen werden. Doch wie sicher ist dieser Weg wirklich? Die Antwort ist erschreckend: Nur 5 Prozent der untersuchten Schulwege in Deutschland gelten als sicher. Das hat der ACE-Schulweg-Index 2025 ergeben, bei dem 700 Freiwillige an 167 Grundschulen vor Ort kontrolliert haben. Fast ein Drittel der Wege wurde als mangelhaft oder sogar gefährlich bewertet. Das ist kein Zufall. Das ist System.
Die Zahlen lügen nicht: Was passiert auf dem Weg zur Schule?
Die meisten Eltern glauben, sie tun ihr Bestes, wenn sie ihr Kind mit dem Auto zur Schule bringen. Doch die Realität sieht anders aus. In 41 Prozent der Fälle, in denen Eltern ihre Kinder zur Schule fahren, wird gegen Verkehrsregeln verstoßen. Die häufigsten Verstöße? Halten im Halteverbot (20 Prozent), auf Gehwegen (6 Prozent) oder in zweiter Reihe (6 Prozent). Diese Aktionen schaffen neue Gefahren - nicht weniger, sondern mehr. Kinder, die zu Fuß gehen, werden dadurch noch unsichtbarer. Sie müssen sich zwischen parkenden Autos hindurchzwängen, ohne zu sehen, was hinter dem Fahrzeug kommt.
Und das ist nur ein Teil des Problems. In 8 Prozent der untersuchten Schulen gab es überhaupt keine Querungshilfe - keine Ampel, keinen Zebrastreifen, keine Mittelinsel. An Kreuzungen, wo Kinder am meisten gefährdet sind, fehlt oft die einfachste Sicherheit: Sichtbarkeit. Eine Studie des VCD zeigt, dass über 21.000 Gefahrenstellen in Deutschland dokumentiert wurden. In 85 Prozent der Fälle wurden Autos als Hauptursache genannt. Das ist kein Unfallgeschehen - das ist eine strukturelle Versäumnis.
Warum Tempo 30 nicht reicht - und was wirklich hilft
Fast alle Schulen haben heute Tempo 30 vor der Tür. Das klingt gut. Aber nur 6 Prozent der Schulen befinden sich in echten verkehrsberuhigten Zonen oder Spielstraßen. Tempo 30 ist kein Schutz, wenn die Straße weiterhin für Autos als Durchfahrt dient. Ein Auto, das mit 30 km/h fährt, braucht noch immer 12 Meter, um zum Stehen zu kommen - und das bei trockener Fahrbahn. Bei Regen sind es 18 Meter. Kinder reagieren nicht immer schnell. Sie schauen in den Himmel, streiten sich mit Freunden, laufen plötzlich los. Ein Auto, das mit 30 km/h fährt, kann sie immer noch töten.
Was wirklich hilft? Schulstraßen. Diese sind zeitlich begrenzt - meist eine halbe Stunde vor und nach Schulbeginn - und dann komplett für Autos gesperrt. Kinder können dann sicher bis zum Tor laufen, ohne ein Auto zu sehen. In Städten wie Freiburg, Hamburg oder Münster funktioniert das bereits. In anderen Regionen wird es immer noch als zu teuer oder zu aufwendig abgetan. Dabei kostet eine Schulstraße weniger als ein einzelner Unfall mit einem Kind. Und sie kann innerhalb von Wochen eingerichtet werden - mit einfachen Absperrungen und Schildern.
Wie sieht der perfekte Schulweg aus?
Ein sicherer Schulweg hat drei Säulen: Infrastruktur, Verhalten und Bildung. Die Infrastruktur muss Kinder nicht nur schützen, sondern auch ermutigen. Breite, ebene Gehwege. Klare, gut sichtbare Querungshilfen. Mittelinseln, die Kindern Zeit geben, den Verkehr zu beobachten. Bäume, die Schatten spenden und die Luft reinigen. Keine engen, dunklen Gassen. Keine Straßen, die wie Rennstrecken aussehen.
Die zweite Säule ist das Verhalten. Eltern, die ihr Kind nicht mit dem Auto bringen, setzen ein Zeichen. Kinder lernen von Erwachsenen. Wenn sie sehen, dass Mama und Papa zu Fuß gehen, werden sie es auch tun. Die sogenannte „Elterntaxi-Paradox“-Situation ist hier entscheidend: Nur elf Prozent der Eltern sagen, sie fahren aus Sicherheitsgründen. Aber 25 Prozent tun es trotzdem. Warum? Weil es bequem ist. Weil sie Angst haben, dass ihr Kind allein nicht klarkommt. Diese Angst ist verständlich - aber sie ist falsch. Kinder, die regelmäßig zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule gehen, sind gesünder, selbstbewusster und besser konzentriert.
Die dritte Säule ist Bildung. Die Deutsche Verkehrswacht hat seit über 40 Jahren das Programm „Kinder im Straßenverkehr“ (KiS). Es spielt, übt, fragt. Kinder lernen, wie man eine Ampel liest, wie man auf einen Lkw achtet, wie man sich mit Reflektoren sichtbar macht. Denn ein Kind in dunkler Kleidung ist erst bei 25 Metern Entfernung zu sehen. Mit Reflektoren sind es 150 Meter. Das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.
Warum die Nordost-Regionen besser abschneiden
Es gibt Unterschiede zwischen den Bundesländern. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg erreichen mit durchschnittlich 9,6 von 14 möglichen Punkten die besten Werte. Rheinland-Pfalz und das Saarland liegen mit 7,5 bis 7,7 Punkten am Ende. Warum? Es liegt nicht an der Bevölkerung. Es liegt an der Politik. In den nordöstlichen Bundesländern wurden Schulstraßen früher eingeführt. Es gibt mehr Schulweghelfer. Es gibt mehr Kontrollen. Es gibt mehr Geld für Infrastruktur. In Rheinland-Pfalz und dem Saarland dagegen wurde jahrelang gewartet. Die Verkehrsplanung war auf Autos ausgerichtet - nicht auf Kinder.
Ein Beispiel: In Sachsen ist der Bringverkehr mit 89 Prozent am sichersten - das heißt, dort halten die Eltern fast immer richtig. In den südwestlichen Ländern ist das nicht der Fall. Das zeigt: Es geht nicht um die Menschen. Es geht um die Regeln. Und die Regeln können geändert werden.
Was Eltern und Kommunen tun können - sofort
Eltern haben mehr Macht, als sie denken. Sie können:
- Das Auto stehen lassen - auch nur an zwei Tagen pro Woche.
- Ein „Walking Bus“-Projekt starten: Eine Gruppe von Kindern, begleitet von zwei Erwachsenen, geht gemeinsam zur Schule.
- Sich mit anderen Eltern zusammenschließen und bei der Stadt nach einer Schulstraße fragen.
- Reflektoren auf die Jacke kleben - und das Kind daran erinnern, sie zu tragen.
Kommunen müssen nicht auf Millionen warten. Sie können:
- Pop-up-Maßnahmen einrichten: Ein paar Tage lang eine Schulstraße testen. Wenn sie funktioniert, wird sie dauerhaft.
- Die Schulwegpläne aktualisieren - digital, mit Apps wie schulwege.de, wo Eltern und Kinder Gefahrenstellen melden können.
- Schulwegsicherheitsaudits durchführen - mit echten Kindern, die den Weg beschreiben, wie sie ihn erleben.
Die Initiative für sichere Straßen hat gezeigt: Wenn man Daten sammelt - Unfälle, Geschwindigkeiten, Beobachtungen - und sie mit den Erfahrungen der Kinder verknüpft, wird klar, wo wirklich gehandelt werden muss. Es geht nicht um Theorie. Es geht um konkrete Orte. Um eine Straßenecke. Um einen fehlenden Zebrastreifen. Um eine verstopfte Einfahrt.
Die Zukunft ist sicher - wenn wir sie jetzt bauen
Die Vision Zero - null Tote im Straßenverkehr - ist kein Traum. Helsinki hat es geschafft. Die Stadt hat Tempo 30 überall eingeführt, Schulstraßen gebaut, Radwege verbreitert und Autos aus den Innenstädten verbannt. Die Folge? Weniger Unfälle, mehr Kinder, die zu Fuß gehen, bessere Luft, ruhigere Straßen. Deutschland kann das auch. Aber es braucht Mut. Es braucht Entscheidungen. Es braucht keine neuen Gesetze - nur die Bereitschaft, Kinder nicht als Nebenprodukt des Verkehrs zu sehen, sondern als Hauptziel.
Ein sicherer Schulweg ist kein Luxus. Er ist ein Grundrecht. Jedes Kind hat das Recht, ohne Angst zur Schule zu gehen. Jede Gemeinde hat die Pflicht, das zu ermöglichen. Der ACE-Schulweg-Index 2025 ist kein Bericht. Er ist eine Aufforderung. Die Zeit zum Warten ist vorbei. Die Wege müssen sicher sein - heute, nicht in zehn Jahren.
Wie lange sollte ein Schulweg maximal sein?
Ein sicherer Schulweg sollte für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren nicht länger als 2 Kilometer sein. Bei dieser Entfernung ist zu Fuß oder mit dem Rad noch realistisch und gesund. Längere Wege sollten durch sichere ÖPNV-Verbindungen ergänzt werden - aber nie durch das Auto. Kinder, die mehr als 30 Minuten zu Fuß gehen, sind oft erschöpft, bevor sie den Unterricht beginnen.
Warum sind Reflektoren so wichtig?
Ein Kind in dunkler Kleidung ist für Autofahrer erst bei 25 Metern Entfernung sichtbar - das ist weniger als zwei Autofahrzeuglängen. Bei Nacht oder schlechtem Wetter ist das zu wenig. Mit Reflektoren steigt die Sichtbarkeit auf 150 Meter - das ist fast doppelt so weit wie ein Fußballfeld. Das gibt Fahrern genug Zeit, zu bremsen. Reflektoren kosten weniger als 5 Euro und retten Leben.
Was ist ein „Walking Bus“?
Ein „Walking Bus“ ist eine Gruppe von Kindern, die gemeinsam mit zwei oder drei Erwachsenen zu Fuß zur Schule gehen. Sie folgen einer festen Route mit festen Haltestellen - wie ein Bus. Eltern können ihre Kinder an einer Haltestelle abgeben und sich dann an der nächsten wieder anschließen. Es ist sicher, sozial und umweltfreundlich. Viele Schulen in Deutschland haben das erfolgreich eingeführt - ohne zusätzliche Kosten.
Warum fahren Eltern trotzdem mit dem Auto, obwohl sie wissen, dass es unsicher ist?
Viele Eltern haben Angst - nicht vor dem Verkehr, sondern vor dem Urteil anderer. Sie denken: „Wenn ich mein Kind nicht fahre, denken andere, ich bin eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater.“ Oder sie glauben, ihr Kind ist „noch zu klein“. Doch die Statistik zeigt: Kinder, die zu Fuß gehen, sind weniger gestresst, haben bessere Konzentration und sind gesünder. Die Angst ist real - aber sie ist falsch. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, sicher zu sein.
Wie kann ich als Elternteil die Sicherheit des Schulwegs verbessern?
Du kannst drei Dinge tun: Erstens, geh selbst mit deinem Kind den Weg zur Schule und beobachte, wo es gefährlich wird. Zweitens, melde diese Stellen über die App schulwege.de oder bei der Stadt. Drittens, sprich mit anderen Eltern und starte eine kleine Initiative - vielleicht einen „Walking Bus“ oder eine Petition für eine Schulstraße. Veränderung beginnt nicht mit Gesetzen. Sie beginnt mit einem Gespräch.
Die Sicherheit der Kinder auf dem Weg zur Schule ist kein Thema für die Politik. Sie ist ein Thema für uns alle. Für Eltern, für Nachbarn, für Lehrer, für Bürgermeister. Jeder Schulweg, der sicher ist, ist ein Schritt in eine bessere Zukunft - für Kinder, für Städte, für uns alle.
7 Kommentare
Elien De Sutter Januar 21 2026
ich find’s einfach traurig, dass wir so viel über kinder reden, aber kaum was tun… meine tochter geht 1,8 km zur schule, und jedes mal wenn sie rüber muss, hab ich das gefühl, sie betritt eine straßenbahn ohne schienen. reflektoren? ja. aber was, wenn die ampel kaputt ist? oder der zebrastreifen von einem auto zugedeckt wird? 🤦♀️ wir brauchen mehr als slogans. wir brauchen mutige kommunen.
Sabine Kettschau Januar 22 2026
ach ja, wieder die übliche beschwerde-landschaft: „die politik tut nichts!“ – aber wer hat denn die letzte petition unterschrieben? wer hat sich bei der stadt gemeldet, als die ampel vor der grundschule drei jahre lang nicht funktioniert hat? wer hat den parkenden elterntaxi-konvoi fotografiert und an die polizei geschickt? nein, wir alle sitzen da und schimpfen, während unsere kinder zwischen den autos hindurchschlüpfen wie in einem videospel. es ist nicht die straßenverkehrsordnung, die versagt – es ist unsere eigene bequemlichkeit. und das ist der wahre feind.
Max Weekley Januar 23 2026
tempo 30 ist bluff. schulstraße = einzige lösung. punkt.
Stefan Sobeck Januar 23 2026
ich hab letzte woche meinen sohn zum ersten mal allein zur schule geschickt. hab mich fast übergeben. aber er kam mit einem riesengrinsen zurück und hat gesagt: „papa, ich hab sogar eine freundin getroffen!“ – das war der moment, in dem mir klar wurde: wir machen’s uns zu schwer. kinder sind stärker, als wir denken. und die straßen? die können wir auch einfacher machen.
Francine Ott Januar 24 2026
es ist bemerkenswert, wie oft wir die verantwortung auf institutionen abschieben, während wir selbst als eltern die größte wirkung entfalten können. die einfache handlung, das auto stehen zu lassen – auch nur zweimal pro woche – sendet eine klare nachricht: „mein kind ist wichtig, und seine sicherheit ist kein kompromiss“. ich habe mit drei anderen eltern einen „walking bus“ gestartet – ohne budget, ohne genehmigung, nur mit einer whatsapp-gruppe. jetzt kommen 14 kinder. und ja – es ist wunderbar. es ist menschlich. es ist möglich.
Arno Raath Januar 26 2026
die wahrheit ist: wir leben in einer gesellschaft, die kinder als nachgeordnete verkehrsteilnehmer betrachtet – wie mülltonnen am rand der straße. wir reden von „sicherheit“, aber wir bauen keine kinderfreundlichen räume. wir bauen parkplätze. wir feiern die „eltern-privilegien“ – aber nicht die kinderrechte. das ist kein verkehrsproblem. das ist ein kulturelles versagen. und wenn du denkst, du bist „nur ein elternteil“ – nein. du bist ein mitglied einer zivilisation, die gerade entscheidet, ob sie ihre kinder liebt… oder nur ihre bequemlichkeit.
Maximilian Erdmann Januar 27 2026
schulstraße? easy. aber wer bezahlt das? 🤭 ich mein… 5 euro reflektoren, ja. aber 50k für eine sperrung? nein danke. ich hab auch kein geld für die klimakrise, aber ich trage eine wiederverwendbare tasse. also… vielleicht einfach nur weniger auto fahren? 😅 #wirversuchen